In vielen Büchern wird die Halbwertszeit von Wissen in Frage gestellt

Gibt es eine Halbwertszeit von Wissen?

Verliert Wissen an Wert? Seit Jahren macht die These die Runde, dass die Halbwertszeit von Wissen sinkt. Doch ist das wirklich so? Oder braucht es lediglich einen neuen Umgang mit Wissen? Warum „Alleswisser“ heute weniger gefragt sind als „Besserwisser“. Und warum selbst scheinbar unnützes Wissen einen Wert hat.

Mal ehrlich: Haben Sie noch einen Straßenatlas im Auto? Wahrscheinlich nicht. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass Routenplaner, Navigationssysteme, GPS und Google Maps die Wälzer aus den Handschuhfächern der Autos verdrängten. Wer heute in unbekannte Gefilde aufbricht, tippt ganz einfach die Zielkoordinaten ins Navi und lässt sich von der freundlichen elektronischen Stimme aus dem Bordcomputer leiten. Wer jedoch glaubt, es sei überflüssig, eine Landkarte lesen zu können, wird spätestens dann eines Besseren belehrt, wenn das Navi im Urlaub unerwartet den Dienst versagt oder die vom Navi vorgeschlagene Abzweigung inzwischen zur Fußgängerzone umfunktioniert wurde. Das zeigt: Vieles, was wir einmal gelernt haben, scheint auf den ersten Blick entbehrlich. Ist es aber nicht.

Warum es keine Halbwertszeit von Wissen gibt und wie schnell Wissen eigentlich verfällt

Dementsprechend ist die oft diskutierte These der sinkenden Halbwertszeit von Wissen infrage zu stellen. Die in den 90er-Jahren erstmals formulierte Vermutung geht davon aus, dass die Hälfte des in der Schule erworbenen Wissens nach zwei Jahrzehnten, die Hälfte des nutzbaren technologischen Wissens bereits nach zwei bis drei Jahren verfällt. IT-Wissen wird angesichts der rasanten technologischen Entwicklung sogar nur eine Halbwertszeit von weniger als zwei Jahren zugestanden. Grund dafür ist die Tatsache, dass immer mehr neue Erkenntnisse in immer kürzeren Abständen gewonnen werden. Geschätzt verdoppelt sich die Menge wissenschaftlicher Erkenntnisse derzeit etwa alle fünf bis zehn Jahre.

Doch wird dadurch bereits erworbenes Wissen tatsächlich infrage gestellt? Nein, findet Soziologe Prof. Dr. Robert Helmrich, der dieser Frage anhand theoretischer Annahmen und empirischer Befunde auf den Grund gegangen ist. Sein Fazit: „Tatsächlich besitzt die These der Halbwertszeit keinerlei empirische Grundlage.“ Seiner Ansicht nach verliert Wissen keinesfalls an Bedeutung, sondern wird weiterentwickelt und verändert. Anders gesagt: Ohne ein grundlegendes Topografie-Verständnis helfen Navigationssysteme nur bedingt. Und selbst Wissen, das niemand mehr abfragt, bleibt letztlich Wissen – „und niemand kann sagen, ob es nicht eines Tages doch wieder benötigt wird“, sagt der Soziologe der Universität Bonn.

Auch wenn es keine Halbwertszeit von Wissen gibt, steht natürlich außer Frage, dass es immer mehr Wissen auf der Welt gibt und gewonnene Erkenntnisse schneller veralten – vor allem, wenn es um Technologie und Informationstechnik geht. Dementsprechend geht es heute beim Lernen und der beruflichen Weiterbildung auch nicht mehr darum, möglichst viel Wissen anzuhäufen. Ganz einfach, weil es davon viel zu viel gibt. Konnten Universalgelehrte im 16. und 17. Jahrhundert noch die gesamte Welt erklären, geht der Trend heute in Richtung Spezialisierung.

Gezielter Kompetenzaufbau statt Universalwissen

Ein Programmierer muss demnach nicht wissen, welche Marketingkampagnen beim Kunden besonders gut ankommen, eine Buchhalterin die Algorithmen der Unternehmenssoftware nicht verstehen, um ihren Job ordentlich zu erledigen. Dagegen ist es für sie unverzichtbar, aktuelle Rechnungslegungsstandards und Steuerregelungen zu kennen. Heißt konkret: Statt sich auf gelernten Fakten auszuruhen, müssen Fachkräfte ihr Wissen kontinuierlich aktualisieren. „Besserwisser“ statt „Alleswisser“ heißt also die Devise, die lebenslanges Lernen und den gezielten Aufbau zukunftsweisender Kompetenzen voraussetzt und die These der Halbwertszeit von Wissen entkräftet.

„Dabei sollten Basiskenntnisse allerdings nicht als Ballast angesehen werden, sondern als notwendige Wissensgrundlage, die Fehlerquelle, aber auch zukünftige Lösung sein kann“, rät der Soziologe Prof. Dr. Robert Helmrich. Er empfiehlt auch, scheinbar nutzloses Wissen, das aktuell nicht nachgefragt wird, zu bewahren und an die nächste Generation weiterzugeben. Ansonsten könne es für immer verloren gehen. „Denn was eine Halbwertszeit hat, ist der Mensch und mit ihm der Träger und Vermittler des Wissens“, so Helmrich.

KompetenzmanagementTÜVRheinlandAkademie

Tobias Kirchhoff
Tobias Kirchhoff

Leiter Marketing